Steins Monolog

Mögt ihr Wettbewerbe? Ich – schon. Eine solche Challenge oder Wettbewerb gibt für einen Künstler viele Rahmen: thematisch, zeitlich, stilistisch. Diesen Rahmen erschweren die Ausdrucksmöglichkeiten, geben aber anderseits klaren Spielraum. Mein Text war das Ergebnis einer solchen literarischen Aufgabe in einem Wettbewerb. Man musste ein Bild beschreiben: Dort waren ein Zaun mit Stacheldraht, Erde mit vielen Steinen und einem Blatt Papier sowie viel Himmel zu sehen. Die Teilnehmer sollten das Bild mit einer Geschichte beschreiben. Diesmal hat es nicht geklappt, aber ich übe mein Deutsch weiter und werde es später sicher nochmal versuchen. Aber für euch, meine Leser, veröffentliche ich heute diesen Versuch.

Man sagt, dass es auf diesem Planeten keine Menschen mehr gibt. Wenn das stimmt, dann bin ich froh. Der Grund war weder eine Katastrophe noch Krieg, obwohl beides wahrscheinlich auch passierte. Allmählich wurden die Menschen immer weniger, bis sie ganz verschwanden. Mir scheint, es begann, nachdem Portale zu anderen Dimensionen frei wurden. Danach gab es niemanden mehr auf der Erde. 

Bin ich traurig? Nein, auf gar keinen Fall.

Dennoch haben die Menschen hier so vieles getan: Sie haben ständig etwas erfunden, entdeckt, vergessen, erzogen, gebaut, verboten, erlaubt. Ehrlich gesagt waren wir irgendwann alle sogar müde von ihnen. Nun, verzeihen Sie mir, versetzen Sie sich in meine Lage: Sie liegen ruhig auf dem Boden, nur manchmal kommen Sie ins Rollen. Und dann. Ganz plötzlich, Lärm und Sie werden Teil einer festen Wand, dann wieder Lärm, und Sie sind im Keller, Teil des nassen Bodens. Darauf Essenreste, Ratten und viel Papier. Es ist gut, dass ich nicht auch in irgendein Portal gezogen wurde. 

Manchmal vermisse ich die alten Zeiten, aber im Allgemeinen war es zu lästig. Also, nein danke. Ich geniesse meine Ruhe. Daher vermisse ich die Menschen nicht. Mit meinen Nachbarn spreche ich jedoch nicht darüber. Ich liege herum und sonnemich mit Vergnügen.

Seit einiger Zeit liege ich hier, am Zaun. 

Gestern brachte der Wind ein Stück Papier mit einer Kinderzeichnung. Ich kann nur die linke Seite des Blattes sehen: ein lila Hund und ein Haus mit einem blauen Dach. Genau wie in den alten Zeiten, als ich Kellerboden war! Aber es gibt keine Menschen mehr, niemanden. 

Der Zaun ist fast immer still. Er sagt, er sei müde. Geht mir nicht so. Ich erinnere mich, dass Personen mit Hunden und Gewehren den Zaun entlanggingen. Auf der anderen Seite standen Menschen mit Koffern. Sie weinten, aber die Menschen mit den Gewehren schrien und schossen, und die Hunde bellten laut. Manchmal kam ich buchstäblich in ihre Hände und sie warfen mich über den Zaun. Ich wechselte die Seiten und traf auf Menschen. Mir erschliesst sich immer noch nicht, was an diesem Zaun geschah. 

Als sie alle verschwanden, blieb ich dort liegen, wo man mich fallen liess. Es gab viele Schmetterlinge. 

Was ich nur noch zu gerne wissen möchte, ist das, was auf der rechten Seite der Kinderzeichnung gemalt ist. Von hier aus kann ich es einfach nicht sehen.


 

 

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